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P24. Neue Betreuungsformen

Detailed Programme, abstracts and presentations

P24. Neue Betreuungsformen (Samstag, 6. Oktober 2012, 10.30-12.00, Europa 6)

P24.1. BPSD – Herausforderndes Verhalten und Behandlungsmöglichkeiten

Michael Rainer

Einleitung: Bei ca. 80% der Demenzpatienten kommt es im durchschnittlich 9 Jahr dauernden Verlauf zu Affekt- und Verhaltensstörungen, vor allem zur Agitation und psychotischen Symptomatik. Diese unter dem Terminus BPSD (behavioural and psychological symptoms of dementia) zusammengefassten Symptome sind für die Angehörigen und Betreuer sowohl im kommunalen als auch im institutionellen Bereich besonders belastend. Agitation und Psychose gehören auch zu den wichtigsten Prädiktoren einer vorzeitigen Institutionalisierung und beeinträchtigen die Lebensqualität von Patienten und Angehörigen ganz wesentlich. Agitation kommt in ca. 60-80% der Demenzpatienten vor, Psychosen in ca. 35-50%. Bei Lewy-Body-Demenz Patienten sieht man psychotische Symptome bei fast 80% der Patienten.

BPSD sind als primäre Manifestationen cerebraler Dysfunktionen definiert und resultieren aus einer Systemschädigung (z.B. des limbischen Systems oder kortiko-subkortikaler Bahnen). Neurodegenerative Erkrankungen führen zu strukturellen und chemischen Veränderungen, die ihrerseits die neuropsychiatrische Symptomatik ganz wesentlich beeinflussen. Diese spezifischen biologischen Veränderungen sind für die Manifestation der meisten Verhaltensstörungen nicht ausreichend. Psychologischen und sozialen Faktoren kommen eine wesentliche auslösende Rolle zu. Apathie ist nach neueren Studien das erste neuropsychiatrische Symptom von depressiver Verstimmung und Ängstlichkeit.

Ein Früherkennen und eine adäquate Behandlung dieser Symptome können wesentlich zur Reduktion der Folgekomplikationen beitragen, die Lebensqualität von Patient und Angehörigen erhöhten und die Belastungen der Betreuer reduzieren. Eine rechtzeitige Behandlung  bietet auch große ökonomische Vorteile, da dadurch medizinische, psychiatrische und institutionelle Ausgaben gespart werden können.

In den Richtlinien des National Institute for Health and clinical, excellence (NICE) wurde festgelegt, dass Demenzpatienten mit nicht-kognitiver Symptomatik vor der Behandlung eine genaue diagnostische Abklärung jener Faktoren erhalten sollten, die das problematische Verhalten generieren oder aggravieren. Für jeden Patienten müsse ein individueller Gesamtbehandlungsplan zusammengestellt werden, der dokumentiert und regelmäßig überprüft wird. Zuerst sollten nichtmedikamentöse Behandlungsalternativen, wie z.B. psychologische Interventionen, Verhaltenstherapie, Umweltveränderungen, Beschäftigungstherapien etc. versucht werden, bevor medikamentöse Therapien eingesetzt werden.

Nichtpharmakologische Behandlungen: In den letzten 20 Jahren wurden mehr als 1600 Studien zur nichtmedikamentösen Behandlung von BPSD publiziert (Livingstone, 2005). Vor allem psychoedukative Maßnahmen die Betreuer betreffend und verhaltenstherapeutische Techniken, die individuell gestaltet waren, sowie kognitives Training und Stimulation waren für längere Zeit im Management von BPSD erfolgreich. Auch Veränderungen der Umwelt, sensorische Stimulation (Musik, Aroma- und Physiotherapie), sowie multisensorische Stimulation („Snoezelen“) könnten erfolgreich sein. Ein Mangel an Evidenz in Studien bedeutet nicht automatisch eine Nicht-Effizienz. Auch psychosoziale Interventionen sowie Kunst- und Tiertherapien sollten erwähnt werden. Eine endgültige Aussage über deren Wirksamkeit ist allerdings mangels hochqualitativer Studien bis heute nicht möglich.

Pharmakologische Behandlungen: Seit mehr als 10 Jahren werden für die Behandlung von BPSD atypische Antipsychotika, vor allem Risperidon, eingesetzt. In den letzten Jahren häuften sich aber vermehrt Berichte von multizentrischen Studien, die das Risiko-Nutzenverhältnis der atypischen Antipsychotika neu beurteilten. Die meisten Reviews und Metaanalysen kommen zu dem Schluss, dass die Vorteile von Atypika hauptsächlich in der Behandlung der schweren Agitiation und in kurzfristigen medikamentösen Notfallmaßnahmen liegen, und dass das allgemeine Risiko die Nutzen für die Behandlung von weniger schweren Verhaltensstörungen überwiegt.

Alle mit atypischen Antipsychotika erzielbaren Wirkungen müssen gegenüber den möglichen unerwünschten Ereignissen abgewogen werden. Von Metaanalysen wissen wir, dass das Risiko für Parkinsonismus, Sedierung, Ödeme, Pneumonien und Schlaganfälle erhöht ist (OR 2,5-3) und dass auch die Mortalität, je nach Metaanalyse, erhöht ist (OR 1,5-1,7, FDA 2005, Schneider, 2005).

In einem Cochrane-Review aus dem Jahre 2006 wurde zwar bestätigt, dass Risperidon und Olanzapin Aggressivität bei Demenzpatienten reduzieren können und Risperidon auch demenzinduzierte Psychose verbessert, dass aber beide Antipsychotika mit einem signifikanten Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen inkl. Letalität verbunden sind. Die Autoren kamen zum Schluss, dass Atypika nur kurzzeitig bei Patienten mit schweren Verhaltensstörungen oder Selbst- und Fremdgefährdung eingesetzt werden sollten (Ballard, 2006).

Alternative medikamentöse Maßnahmen sind z.B. rechtzeitige Antidementivaeinstellung mit Cholinesterasehemmern oder Memantine, Antidepressiva, Mood-Stabilizer oder kurzeitige Gabe von Tranquilizern mit linearer Pharmakokinetik.

Bei therapierefraktären Fällen werden manchmal drei oder mehr Psychopharmaka verwendet. Die Kombination von zwei oder mehr Antipsychotika und verschiedener Benzodiazepine sollte wegen des deutlich erhöhten Risikos von Nebenwirkungen vermieden werden. Clozapin bleibt auch weiterhin das Mittel der letzten Wahl. Unter kontrollierten stationären Bedingungen wird auch häufig noch i.v. Haloperidol erfolgreich eingesetzt. Ein kardiales Monitoring ist allerdings wegen der Gefahr von Torsade de pointes notwendig. Bei therapieresistenter psychotischer Depression, Manie oder schwerer Agitation kann auch an eine Elektrokrampftherapie gedacht werden.

Misserfolge in der medikamentösen Therapie sind allerdings unvermeidlich, da auch in den besten BPSD-Studien Responseraten von maximal 80% erreicht wurden. Realistischerweise sind 20-40% der Patienten mit schwerer Agitation und/oder Psychosen Nonresponder. Auch wenn alle Therapien nicht zum gewünschten Erfolg führen, sollte der Kliniker eines nicht machen: „Aufgeben!“.

P24.2. Neue Wohnformen im Alter (Demenz) - Wohnen und Leben in Hausgemeinschaften

Margit Kitzler

Die Grundidee des Hausgemeinschaftsmodells ist es, für ältere Menschen eine familienähnliche Struktur und Wohnform anzu¬bieten. Trotz hoher Pflegebedürftigkeit können ältere Menschen so in einer Umgebung leben, die ihrem bisherigen Leben sehr nahe kommt. Das vereinfacht die Umstellung bei der Übersiedlung in eine Pflegeeinrichtung und vermittelt Sicherheit. Deshalb eignet sich diese Form des Zusammenlebens auch besonders gut für ältere Menschen mit Demenz.  Pflege und Betreuung wird dabei je nach den Bedürfnissen unserer Bewohner/innen durch das Betreuungsteam in den Hausgemeinschaften angeboten.

Im Vortrag wird auf folgende Punkte eingegangen:

  1. Normalität als Konzept
  2. Demenz und Hausgemeinschaft

Die Bewohner der Hausgemeinschaft leben in einer großen „Wohnung“ zusammen, die über eine Wohnküche, ein Wohnzimmer und ebenso über private Räume für jeden Einzelnen verfügt. Diese Aufteilung kommt den Bedürfnissen des Menschen nach sozialem Leben und nach Privatsphäre nach. Der tragende Mittelpunkt der Hausgemeinschaft ist die Wohnküche mit dem großen Tisch und dem Herd.

Der gemeinsame Aufenthalt in der Küche bietet die Möglichkeit durch vertraute Eindrücke,  dass gesamte Sinnesspektrum (hören, sehen, riechen, tasten, schmecken) anzuregen.

In unseren Hausgemeinschaften ist der Lebensrhythmus der Bewohner/innen auf Normalität im Alltag ausgerichtet, geprägt von gemeinsamen Mahlzeiten sowie von den alltäglichen hauswirtschaftlichen Aktivitäten die für die Organisation eines vielköpfigen Haushaltes notwendig sind. Durch die anstehenden Aufgaben werden die noch vorhandenen Kompetenzen eingefordert und gefördert.

Der/die Alltagsbetreuer/in führt dabei den Haushalt, bereitet gemeinsam mit den Bewohnern/Bewohnerinnen das Essen zu, hilft bei der Versorgung der Wäsche und organisiert Tagesaktivitäten. Durch ihre ständige Präsenz während des Tages wird sie zu einer wichtigen Bezugs- und Ansprechperson für die Bewohner/innen und ihre Angehörigen.

Die notwendige pflegerische Unterstützung unserer Bewohner/innen wird von einer ständig anwesenden Pflegekraft übernommen. Die pflegerische Betreuung wird in die Normalität des Alltages integriert, mit dem Ziel die größtmögliche Selbstständigkeit der Bewohner/innen zu erhalten.

Gerade für Menschen mit beginnender Demenz bietet das Leben in einer Hausgemeinschaft die Chance auf eine subjektiv wahrgenommene höhere Sicherheit. Je mehr Vertrautheit geschaffen wird, desto weniger Wut oder – das andere Extrem – desto weniger Resignation entstehen.

Die Normalität tritt in den Vordergrund. Pflegerisches Handeln passiert im Hintergrund. Der Bewohner/in kann sein/ihr Erleben aus der Vergangenheit mit dem neuen Erleben leichter in Einklang bringen, orientiert sich schneller, fasst Vertrauen in der Begegnung und fühlt sich in der neuen Umgebung rasch angenommen wertvoll und nützlich.

Die Vorstellung dieser neuen Wohnform im Alter findet an Hand des neu errichteten Haus der Barmherzigkeit Poysdorf statt.

P24.3. Das Konzept und die Philosophie der Luxemburger Alzheimer Vereinigung

Denis Mancini

Seit der Gründung der ala (Luxemburger Alzheimervereinigung) im Jahre 1987 setzt sie sich auf allen Ebenen für Demenzbetroffene und ihre Angehörigen ein.

Mit ihren vielfältigen Tätigkeiten verfolgt die ala das übergeordnete Ziel, die Lebensqualität dieser Menschen zu verbessern.

Auf gesellschaftlicher Ebene sollen ein allgemeines Bewusstsein für Demenz und eine Enttabuisierung der Erkrankung erreicht werden.

Als Hilfs- und Pflegenetzwerk bieten sie den Betroffenen in ihren verschiedenen Betreuungsstrukturen alle von der Luxemburger Pflegeversicherung vorgesehenen Leistungen an.

Als Vereinigung mit einem spezifischen Auftrag umfasst ihr Angebot für Betroffene und Angehörige zahlreiche weitere Leistungen, welche sich exakt an der Demenzerkrankung und ihren Besonderheiten orientieren.

Den Beratungs-, Betreuungs- und Pflegetätigkeiten liegt deshalb ein einheitliches Hilfekonzept zugrunde.

Das Konzept ist:

  • demenzspezifisch
  • kontinuierlich
  • ressourcenfördernd
  • ganzheitlich
  • individuell
  • integrativ

In dem 25-jährigen Bestehen der ala, setzte sie den Fokus der Betreuung nicht nur auf pflegerische Aspekte, sondern bemühte sich den Menschen mit Demenz ganzheitlich wahrzunehmen. Um den Menschen mit all seinen Bedürfnissen, Wünschen, Gewohnheiten, Kompetenzen usw. in den Mittelpunkt zu setzen, bedarf es neben einer angepassten Architektur, besonders Betreuern welche neben einem fundierten Wissen über Demenzen auch ein großes Maß an Einfühlungsvermögen besitzen.

P24.4. Ambulante Konzepte

Georg Psota

 

 
 

Last Updated: Thursday 15 November 2012

 

 
 

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